Zur Herkunft der Dinge – ein Projekt zur Provenienzforschung im Stadtmuseum Kaufbeuren


gefördert vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste und der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern

Seit August 2019 führt das Stadtmuseum Kaufbeuren ein Förderprojekt zur Provenienzforschung durch. Dieser Forschungsbereich ist ein wichtiges Aufgabenfeld in der heutigen Museumsarbeit. Dabei geht es darum, die Herkunftsgeschichte der Sammlung lückenlos zu klären. Für die NS-Zeit muss festgestellt werden, ob Objekte früheren jüdischen Eigentümern unrechtmäßig beziehungsweise verfolgungsbedingt entzogen worden sind. Auch die Rückgabe der Kunst- und Kulturgüter ist Teil des Forschungsbereichs.

Gerade im Hinblick auf die Einrichtung des Heimatmuseums Kaufbeuren 1934 gilt es, die Geschichte der Institution in der NS-Zeit näher zu beleuchten. In einer Erstüberprüfung durch Provenienzforscherinnen der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern im Juli 2018 wurden rund 200 Objekte aus dem Zeitraum 1932-1964 mit zweifelhaften Provenienzen ermittelt. Bis in die 1960er Jahre tauchen in den Akten verdächtige Händlernamen auf. Diese ersten Ergebnisse wurden nun zum Anlass genommen, ein Forschungsprojekt ins Leben zu rufen. Unter dem Projekttitel „Stadtmuseum Kaufbeuren: Die Provenienz der Sammlungszugänge zwischen 1932 und 1964“ erforschen bis April 2021 die Kulturwissenschaftlerin Lisa Wagner und der Kunsthistoriker Horst Keßler einen Teil der Sammlung. Erste Verdachtsmomente bestehen bereits, etwa beim Ankauf von drei Grafiken des Kaufbeurer Radierers Daniel Hopfer im „Münchener Versteigerungshaus Adolf Weinmüller“.

Im Rahmen der Sonderausstellung „Kaufbeuren unterm Hakenkreuz. Eine Stadt geht auf Spurensuche“, die Ende Oktober 2019 eröffnet, wird das Forschungsprojekt und der Ankauf beim Auktionshaus Weinmüller ebenfalls kurz vorgestellt.

www.kulturgutverluste.de
 


Juni 2021

Im Juni war der Bayerische Rundfunk zu Gast im Stadtmuseum. Es entstanden ein  Radiobeitrag mit dem Titel "Kaufbeuren: Suche nach Nazi-Raubkunst" und ein Fernsehbeitrag für die Abendschau (Ausstrahlung am 15.7.2021) über die Arbeit von Provenienzforscherin Lisa Wagner im Stadtmuseum Kaufbeuren.


April 2021

Eine Pfeifensammlung für das Kaufbeurer Heimatmuseum – Aktuelle Einblicke in das Forschungsprojekt anlässlich des Tags der Provenienzforschung 14. April 2021

Von Lisa Wagner M.A.

Als Provenienzforscherin gewinne ich nicht nur einen Überblick über die Bestände des Museums. Durch meine Arbeit erlangt das Museum auch neue Erkenntnisse über die Sammlungsgeschichte. Beispielhaft lässt sich die Sammelpolitik im Heimatmuseum Kaufbeuren während der NS-Zeit anhand zweier Tabakpfeifen nachzeichnen.

Im Sommer 1942 erhalten der Kaufbeurer Bürgermeister, Hans Wildung, und der Leiter des Heimatmuseum Kaufbeuren, Fritz Schmitt, ein schriftliches Angebot vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege: „Durch Vermittlung des Bayer. Nat. Museums [Bayerisches Nationalmuseum] ist Gelegenheit gegeben, eine schöne Sammlung von 15 Tabakpfeifen [...] aus der Rokokozeit um den billigen Preis von 150 RM zu kaufen. Die Pfeifensammlung, die aus einem schwäbischen Schloss stammt besteht aus sehr verschiedenartigen, zum Teil erlesenen Stücken. Wir möchten den Ankauf empfehlen.“ Im vorliegenden Fall tritt das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege als Vermittler zwischen den beiden genannten Museen auf. Innerhalb kürzester Zeit bestätigt der Kaufbeurer Bürgermeister den Ankauf der Sammlung. Unter den Tabakpfeifen befinden sich zwei ganz besondere Stücke:

Die Tabakpfeife mit der Inventarnummer 3793 zeigt auf dem weißen Tonkopf eine Landschaft mit Schlossanlage, darunter die Inschrift „Lichten / stein“. Tatsächlich existiert ein Schloss Lichtenstein in Baden Württemberg. Wie aus dem eingangs zitierten Angebot hervorgeht, stammt die Tabakpfeifen-Sammlung wohl aus einem „schwäbischen Schloss“. Zwar zählt die Gemeinde Lichtenstein nicht mehr zum Regierungsbezirk Schwaben, dennoch erweist sich die Inschrift auf der Pfeife als wertvoller Ansatzpunkt für die Erforschung der Herkunft dieses Objekts.

Auf dem hölzernen Holm der Tabakpfeife mit der Inventarnummer 3782 erscheint das Porträt eines bärtigen Mannes mit Turban auf dem Kopf. Seinen Namen verrät eine Inschrift: „Mahmud II.“. Interessanterweise handelt es sich bei diesem Herrn um Mahmud II Adli, der zwischen 1808 und 1839 als Sultan über das Osmanische Reich herrschte.

Auffällig ist, dass die beiden vorgestellten Tabakpfeifen in keinem nachvollziehbaren Zusammenhang zur Stadt Kaufbeuren oder ihrer Geschichte stehen. Die Äußerung des Museumsleiters über den Erwerb der Objekte fiel entsprechend verhalten aus: „Die Tabakpfeifen-Sammlung ist inzwischen eingetroffen, sie ist nichts Überwältigendes.“ [1] Was also bewog den Kaufbeurer Bürgermeister einst zum Ankauf dieser exotischen Stücke? Vermutlich folgte Hans Wildung damit einem Aufruf, der bereits 1940 alle damaligen bayerischen Bürgermeister per Brief erreichte: „Im Benehmen mit den Ortsgruppenkulturwarten der NSDAP. und sonstigen Interessenten oder Sachverständigen wird es möglich sein, viel Kulturgut zu erhalten und [...] dem Kaufbeurer Heimatmuseum [...] zuzuführen. Nichts darf mehr vernichtet werden oder zugrunde gehen! Das Heimatmuseum [Kaufbeuren] nimmt Alles an, was museumswürdig ist.“ [2]

Die weiteren Nachforschungen zielen darauf ab, die Herkunft der Tabakpfeifen-Sammlung zu klären und die Identität des „schwäbischen Schlosses“ aufzudecken. Gleichzeitig gibt der vorliegende Fall Anlass dazu die Rolle des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege kritisch zu hinterfragen: Agierte das Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege während des Nationalsozialismus als Vermittler von enteigneten Kunst- und Alltagsgegenständen aus möglicherweise jüdischem Besitz?


[1] Stadtmuseum Kaufbeuren, Schriftverkehr Erwerb und Schenkungen 1932 bis 1964.
[2] Brief vom 11.12.1940 von Robert Thedy, bayerischer Landrat im Dritten Reich, adressiert an alle bayerischen Bürgermeister, Stadtarchiv Kaufbeuren, Bestand A 101715 Kaufbeurer Heimat-Museum, 1934-1944.


September 2020

Der Fall Adleruhr

Im Depot des Stadtmuseum Kaufbeuren befindet sich unter zahlreichen Uhren ein ganz besonderes Exemplar. Besonders deshalb, weil die Uhr die Gestalt eines Adlers hat. Die Objektbeschreibung aus dem Inventarblatt des Museums dazu lautet: „Pendeluhr, Spindelgang, Rechenwerk; ein Adler, Holz, trägt vor der ovalen Brustöffnung ein Messingziffernblatt mit röm. Ziffern. Signatur: Joh. Hafner, Kaufbeyern.“ Datiert wird die Uhr auf 1746/1748. Die Münchener Kunsthandlung „H. Keller & M. Böhm & F. Ragaller Antiquitäten Gemälde“ bot im Jahr 1937 diese Tischuhr zum Kauf an. Da die Uhr von einem Kaufbeurer Uhrmacher hergestellt wurde und somit für das Museum von Interesse war, beabsichtigte die Stadt Kaufbeuren diese Uhr zu erwerben, was nach einigen Verhandlungen auch geschah. Auf diesem Weg kam das Museum in den Besitz der Uhr, doch die Eigentumsverhältnisse waren alles andere als geklärt. So fragte ein Mitarbeiter des LfD im Mai 1938 bei der Stadt Kaufbeuren nach, wem die Uhr nun eigentlich gehöre. „Wegen der Uhr erhalte ich vom Verkäufer trotz wiederholter Anfragen keine Antwort. Wir betrachten sie nun einmal als unser Eigentum und werden sie gelegentlich mitnehmen.“ – lautete die Antwort des damaligen Museumsleiters Fritz Schmitt. Schließlich erfolgte im Oktober 1939 ein vorerst letzter Aktenvermerk des Museumsleiters zu der Adleruhr: „Die Firma Böhm hat auf unsere verschiedenen Schreiben keine Antwort mehr gegeben. Die Firma Böhm, Keller u. Ragaller besteht nicht mehr. Die Uhr ist dem Museum einverlaibt [...].“ Wie aus dem Quellenmaterial hervorgeht, erfolgte zu keiner Zeit ein offizieller Erwerbungsvorgang durch die Stadt Kaufbeuren. Die Uhr muss daher wohl als unrechtmäßiger Besitz gelten. Gleichzeitig belegen die Quellen, dass die Stadt Kaufbeuren mehrfach den Versuch unternahm, mit der Kunsthandlung Keller & Böhm & Ragaller in Kontakt zu treten. Der Fall Adleruhr beschäftigt Lisa Wagner M.A. und Horst Keßler M.A. derzeit im Zuge des Projekts zur Provenienzforschung, das seit August 2019 im Stadtmuseum Kaufbeuren durchgeführt wird. Dabei stellen sich die beiden Forscher folgende Fragen: Warum brach der Kontakt mit der Kunsthandlung so abrupt ab? Was geschah mit der Kunsthandlung „Keller & Böhm & Ragaller“ und ihren Inhabern? Welche Vorprovenienz hatte das Objekt?

 

August 2020

Halbzeit bei der Erforschung der Herkunft der Museumsobjekte

Die Halbzeit des Projektes zur Provenienzforschung ist inzwischen eingeläutet. Nach Auswertung der bisher gewonnenen Informationen gruppierte die Provenienzforscherin Lisa Wagner 85 Fälle aus den rund 750 Einzelobjekten in eine Ampelskala ein. Die Farbe Grün steht dabei für unbedenklich, Gelb für nicht zweifelsfrei unbedenklich, Orange für bedenklich und Rot für eine vermutlich belastete Provenienz. Eine erste Zwischenbilanz zeigt, dass nach derzeitigem Stand rund 29% der überprüften Fälle als vollkommen unbedenklich eingestuft werden können, 64% der Fälle als nicht zweifelsfrei unbedenklich, 6% als bedenklich und 1% als vermutlich belastet. In der zweiten Projekthälfte wird sich Lisa Wagner auf die rot bzw. orange markierten Fälle konzentrieren, zu denen weiterführende Recherchen angestellt werden.

 

Mai 2020

Forschung zu Zeiten der Corona-Pandemie

Seit August 2019 erforschen Lisa Wagner M.A. und Horst Keßler M.A. im Stadtmuseum Kaufbeuren die Provenienz der Sammlungszugänge zwischen 1932 und 1964. Gefördert wird das Projekt vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste Magdeburg und von der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern. Derzeit überprüft Lisa Wagner rund 780 Einzelobjekte, die zwischen 1932 und 1964 Eingang in den Bestand des Stadtmuseum Kaufbeuren fanden. Recherchen in den hauseigenen Erwerbsakten, in regionalen und überregionalen Archiven und Nachforschungen an den Objekten selbst ergaben erste Hinweise auf mögliche Vorbesitzer. Bedingt durch die Corona-Pandemie mussten Nachforschungen in dieser Art ab Mitte März 2020 abrupt abgebrochen werden. Daher schlug Lisa Wagner einen neuen Weg ein. Über mehrere Monate hinweg recherchierte sie in der Online-Datenbank „Fold3 - Holocaust Collection“. Die Datenbank enthält digitalisierte Sammlungen der US-amerikanischen Nationalarchive und des United States Holocaust Memorial Museum. Darunter befinden sich auch Dokumente der „Museum & Fine Arts Section“ des Central Collecting Point. Der CCP existierte von 1943 bis 1946 u.a. in München. Die dort tätigen Kunstschutzoffiziere der US Army sind uns heute als sog. Monuments Men bekannt. Mithilfe dieses und weiterer Online-Recherchetools konnte auch in Zeiten von Archivschließungen die Forschungsarbeit im Homeoffice weitergeführt werden. 
 

Oktober 2019

Unter der Lupe - Spurensuche im Archiv und Depot

Bis April 2021 wird die Kulturwissenschaftlerin Lisa Wagner M.A. mit Unterstützung des Kunsthistorikers Horst Keßler M.A. die Sammlungserwerbungen des Stadtmuseums aus den Jahren 1932 bis 1964 untersuchen. Derzeit werden diejenigen Objekte durchleuchtet, die zwischen 1933 und 1945 in den Museumsbestand eingegangen sind. Aufschluss darüber geben Erwerbungsakten aus dem Stadtarchiv Kaufbeuren. Parallel dazu nimmt Lisa Wagner diese Stücke genau unter die Lupe: Auf den Objekten finden sich häufig Indizien, wie Stempel, Marken oder handschriftliche Verweise, die Hinweise auf Vorbesitzer oder Kunsthändler geben können. Zu jedem einzelnen dieser Händler sowie allen beteiligten Privatpersonen werden im nächsten Schritt Kurzbiografien verfasst. Über die jeweiligen Biografien lassen sich Rückschlüsse auf eine mögliche jüdische Herkunft ziehen und die damit einhergehende „Arisierung“ des Besitzes feststellen.

 

Was macht ein Provenienzforscher?

Dies erklärt ein Fernsehbeitrag der Kulturzeit auf 3Sat, den Sie sich hier anschauen können:

https://www.3sat.de/kultur/kulturzeit/was-macht-proveniezforscher-100.html

 

Fotos: © Stadtmuseum Kaufbeuren 

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